Glossar

Gender

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Engl.: soziales Geschlecht
In akademischen und aktivistischen Kontexten verwendetes Konzept, um die Konstruktion und Multidimensionalität von Geschlecht zu erfassen. In der gegenwärtigen dekonstruktivistisch ausgerichteten Forschung stehen die historisch veränderlichen sozialen, kulturellen, religiösen, politischen und biologischen Komponenten von Geschlecht im Vordergrund.

Gender hat sich als Fachbegriff für „Geschlecht“ auch im deutschsprachigen Raum etabliert. Für die Übernahme des englischen Wortes spricht, dass im Deutschen mit dem Begriff Geschlecht von den meisten Menschen vor allem das biologische Geschlecht assoziiert wird, also das, was im Englischen als „sex“ bezeichnet wird. Mit dem deutschen Wort „Geschlecht“ ist also bislang das Risiko verbunden, die Bedeutung von Geschlecht als ein historisch veränderbares, soziales und kulturelles Verhältnis nicht zu erfassen. Die derzeitige Auffassung von Gender wurde stark in den 1970er Jahren geprägt. Gender war lange Zeit eine Kategorie, die vor allem in der weiß-dominierten akademischen Frauen- und Geschlechterforschung diskutiert wurde. So lag der Fokus lange Zeit vorrangig auf der Hinterfragung westlicher Geschlechterklischees und –stereotype und des von ihnen hervorgebrachten binären und hierarchisch geordneten Geschlechtersystems. Letzteres weist Menschen unterschiedliche Handlungsspielräume zu und setzt Männlichkeit als (unmarkierte, vermeintlich neutrale) Norm (Androzentrismus), was eine strukturelle Chancenungleichheit der Geschlechter zur Folge hat (zu: Heteronormativität). Von BIPoCs wurden seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auch öffentlichkeitswirksam immer stärker intersektionale Ansätze in den akademischen und aktivistischen Debatten um Gender gefordert. Sie betonten, dass Geschlecht nie als isolierte Analysekategorie betrachtet werden kann, sondern stets in der Verknüpfung mit anderen Machthierarchien gedacht werden muss.


In den 1980er Jahren forderten Schwarze Frauen*, die Geschichte der Versklavung in der postmodernen Theorie und somit auch in den Gender Studies zu berücksichtigen. Die Schwarze US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Hortense Spillers betonte, wie Schwarzen Menschen im Zuge kolonialer Abjektionsprozesse (ungefähr: eng. Abjection = Ablehnung) der Zugang zu einer gegenderten/vergeschlechtlichten Subjektposition verwehrt wurde und weiße Personen ihr Privileg vergeschlechtlichter Subjektivität damit umso mehr sichern konnten. Die Forderung, den Ursprung westlicher Gender-Konzepte in weißen Praktiken von Entsubjektivierung Schwarzer Personen zu berücksichtigen, spielte auch in der Kritik an dem Verständnis von Intersektionalität als vermeintlich additive Struktur, die die Gender Studies in den 1990er Jahren prägte, eine zentrale Rolle. In den Critical Indigenous Gender, Sexuality and Feminist Studies ist die Thematisierung der gewaltsamen Verdrängung und Unterdrückung indigener Geschlechter- und Sexualitätskonzepte im Zuge der Kolonialisierung von zentraler Bedeutung. So existierten beispielsweise in vielen Indigenen Bevölkerungsgruppen in den Gebieten des heutigen Nordamerika seit Generationen verschiedene geschlechtliche, sexuelle und spirituelle Identitäten außerhalb der cis-heterosexuellen Norm. Der Begriff Two Spirit wurde 1990 bei dem internationalen Indigenous Lesbian and Gay Gathering in Winnipeg als englische Übersetzung und pan-Indigener Oberbegriff für die verschiedenen indigenen Geschlechter- und Sexualitätskonzepte beschlossen. Im Kontext von Widerstand und Empowerment (gender)queerer Indigener Menschen besitzt Two Spirit eine wichtige spirituelle, kulturelle und politische Bedeutung. Der Begriff steht für nicht-Indigene Schwarze Menschen und PoC, und vor allem für weiße Menschen, nicht als Selbstbezeichnung zur Verfügung.

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