Passing it On – re/visited – Die 1990er Jahre

Die 1990er Jahre: Bündnispolitiken – innere und äußere Konfliktlinien – bewegungspolitische Veränderungen

Mit: Anita Awosusi, Peggy Piesche, Saideh Saadat-Lendle

Peggy Piesche: Mit dem Anfang der 1990er Jahre verbinde ich ein Battle Field. Wir mussten nicht nur in alle Richtungen kämpfen, sondern auch in alle Richtungen überlegen, wie wir unsere kollektiven Positionierungen artikulieren und verstärken konnten. Das hatte viel mit dem Vereinigungsprozess und den gesellschaftlichen Transformationen zu tun. Diese begannen nicht erst in der Nacht des 9. November 1989, aber danach ging es sehr schnell, dass die rassistische Gewalt im Osten und Westen zunahm, dass sich für viele von uns nicht nur der öffentliche Raum, sondern auch andere Möglichkeitsräume verkleinerten.

Wenn der Raum immer enger und die Luft immer dünner wird, dann braucht es Durchatme-Momente. Und dafür braucht es Räume. Einer dieser Räume war das Schoko-Café in Berlin-Kreuzberg, das ab 1991 für einige Jahre von einen queer*feministischen BIPoC-Kollektiv geleitet wurde. Dort haben wir viele Kämpfe miteinander ausgetragen. Wir mussten Ost und West aushandeln – aber aus völlig anderen, meist unsichtbar gemachten Perspektiven. Wir mussten mit unseren Lebenszusammenhängen umgehen, aber waren bildungspolitisch indoktriniert – mit einer Abwesenheit von Wissen über uns. Doch es waren fruchtbare Kämpfe! Wir hatten ähnliche Erfahrungen und das gab uns die Möglichkeit, etwas zu schaffen, das man heute BIPoC-Kollektiv nennen würde.

Saideh Saadat-Lendle: 1990 hatte ich mein Coming Out, und die Neunziger waren die Jahre »danach«. Ich kannte außer mir keine einzige andere iranische Lesbe – jedenfalls keine, die out war und in politischen Zusammenhängen gearbeitet hat. Die iranische Community war meine Community, mein Zuhause, und natürlich gab es auch viele Frauen. Ein paar Mal im Jahr trafen wir uns bundesweit und da war Lesbisch-Sein auch mal Thema. Ich fand es schön, dass diese Treffen von emotionalen Beziehungen und einem starken Community-Gefühl getragen waren. Das hat es erleichtert, darüber zu sprechen. Gleichzeitig mussten wir uns auch mit Rassismus auseinandersetzen und uns als iranische Frauenbewegung die Frage stellen, was für uns wichtiger war: Rassismus in Deutschland oder das, was gerade im Iran passierte?

Anfang der 1990er Jahre gab es noch keine gemeinsame Gruppe von Lesben of Color, die sich gegen Rassismus und für unsere Rechte einsetzte. Es fanden aber verschiedene Veranstaltungen statt, die von einzelnen Personen of Color oder Schwarzen Lesben organisiert wurden. Leider habe ich mich dort auch nicht ganz zuhause gefühlt. Es gab keinen Raum, um über die Erfahrung von Flucht und Exil oder über das Erste-Generation-Migrantin-Sein zu sprechen. Es gab keinen Austausch, keine Möglichkeit zu überlegen: Was will ich? Welche Interessen habe ich? Was suche ich? Für eine im Exil lebende Lesbe of Color war es damals echt schwierig, Verbündete zu finden.

Anita Awosusi: Ich bin in den frühen Neunzigern zur Bürgerrechtsarbeit gekommen und habe das schon auch sehr intensiv erlebt: die rassistischen Übergriffe von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hoyerswerda und vielen anderen Orten, die wir nennen könnten; die Ängste, die wieder hochkamen – gerade bei unseren alten Leuten, die alle Holocaust-Überlebende waren. Die hatten das nach dem Mauerfall vorhergesehen und prophezeit, dass Deutschland sich wieder groß fühlen würde, dass es wieder gegen unliebsame Menschen gehen würde…

Nach diesen schrecklichen Übergriffen von rechten Gewalttäter*innen waren viele Institutionen auf Landes- und Bundesebene bereit, Programme ins Leben zu rufen und Organisationen, die sich gegen Rassismus einsetzten, zu unterstützen. Im Gegensatz zu den vielen Jahren davor könnte man fast sagen, dass wir endlich ein fast leichtes Spiel hatten, an die Gelder zu kommen. Unsere hartnäckige Bürgerrechtsarbeit hat sich da ausgezahlt: Wir konnten das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg aufbauen. Mit diesem Zentrum änderte sich bei unseren Leuten auch ein stückweit das Bewusstsein. Sie konnten nach außen gehen und sich als die zeigen, die sie sind: als Sint*ezze und Romn*ja.

Peggy Piesche: Ich würde sagen, die Neunziger sind von verschiedensten Formen von Bündnisarbeit geprägt, und ich glaube etwas, dass wir – ausgehend von dort – sehr gut lernen können, was Bündnisse heute für uns bedeuten.

Meine Bündnisarbeit ist BIPoC-zentriert, denn wir haben lange dafür gekämpft, uns diese Räume nehmen zu können. In solchen Settings konnten und können wir einen Space schaffen für unsere Unterschiede und Gemeinsamkeiten, aber auch für die vielen verschiedenen und manchmal ohne Wissen voneinander geführten Kämpfe. Sich darüber auszutauschen und unsere Erfahrungen zusammenzudenken, ist stärkend. Genauso wie es stärkend ist, unsere unterschiedlichen Erfahrungen stehenzulassen – selbstbestimmt und eben nicht in Konkurrenz, wie es uns tagtäglich angeboten wird.

Saideh Saadat-Lendle: Es gibt gute, starke, powervolle Communitys von BIPoC-Personen und queeren BIPoC-Personen. Ich wünsche mir, dass wir tatsächlich überall, in allen Strukturen zusammenarbeiten können, mit allen unseren BIPoC-Perspektiven und unseren Präsenzen. Denn wir sind DA.

Protokoll: Nicola Lauré al-Samarai