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Anna Boros

"[…] daß dieser Boden niemals mehr von Deutschen betreten werde."

Anna Boros' Ausweis als Opfer des Faschismus, 1946 ©LABO

Anna Boros wird 1925 in Arad in Rumänien geboren. Als sich ihre Eltern trennen, zieht sie mit ihrer Mutter zur Großmutter nach Berlin. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialist*innen 1933 ändert sich das Leben der Familie: Anna, ihrem Onkel Martin und ihrer Großmutter Cecilie Rudnik wird die Staatsbürgerschaft entzogen. Annas Mutter Julie ist durch ihre Heirat mit Georg Wehr, einem weißen Deutschen, der vom Christentum zum Judentum konvertierte, zunächst geschützt. Aufgrund der rassistischen Logik bleibt er trotz Konversion ‘Arier’. Nach patriarchalem Familienrecht wird seine jüdische Frau Julie Deutsche. Später werden auch sie verfolgt.

Die Großmutter Cecilie Rudnik führt einen Familienbetrieb in der Neuen Friedrichstraße 77. Als sie enteignet wird und den Betrieb verliert, ist die Familie nicht nur staaten- sondern auch mittellos.

Anna kann aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung keine Schule mehr besuchen und keine Ausbildung absolvieren. Ihr Wunsch, Kinderkrankenschwester zu werden, der zunächst noch in einem Jüdischen Kinderheim möglich scheint, wird durch die Schließung aller jüdischen Einrichtungen vereitelt. Durch die Enteignung des Familienbetriebes kann Anna auch dort keine Ausbildung aufnehmen. Mit dem Beginn der Deportation von Juden*Jüdinnen nimmt die Verfolgung der Familie weiter zu: Anna, ihr Onkel und ihre Großmutter gehen 1942 in den Untergrund. Ihr Arzt, der in Berlin lebende Ägypter Dr. Mohamed Helmy, verhilft der Familie in den Untergrund und versorgt sie auch mit Lebensmitteln. Anna wohnt zunächst in seiner Praxis. Die Jugendliche kann zwar ihre erwünschte Ausbildung zur Kinderkrankenschwester nicht absolvieren. Im Versteck kann sie aber immerhin in einer Praxis arbeiten.

Dr. Mohamed Helmy (Mitte) mit Freunden ©AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

Dr. Helmy nutzt seine Kontakte zu anderen ägyptischen Eingewanderten mit dem Ziel, Anna Boros die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Er arrangiert Annas Konversion zum Islam mit Hilfe seines Freundes Dr. Kamal El-Din Galal, Generalsekretär des Islamischen Zentral-Instituts zu Berlin. Ein weiterer Freund, der Jazzmusiker Abdel Aziz Helmy Hammad, erklärt sich bereit, zum Schein die Ehe mit Anna, die nun mit muslimischem Namen Nadja heißt, nach islamischem Recht (Scharia) einzugehen. Nach Anerkennung ihrer Heirat durch die deutschen Behörden würde sie die ägyptische Staatsangehörigkeit ihres Mannes erlangen und könnte Deutschland verlassen – so jedenfalls ist es geplant. Doch die Behörden erkennen die Heirat nicht an. Auch Dr. Helmys Versuch, Anna zu adoptieren, scheitert. Nachdem es im Versteck in der Moabiter Praxis zu gefährlich wird, versteckt Dr. Helmy Anna in seiner Gartenlaube in Berlin-Buch.

Anna überlebt, kann aber auch nach dem formalen Ende des Nationalsozialismus aufgrund seiner Nachwirkungen keine Ausbildung in Deutschland absolvieren und wandert in die USA aus.

Fast zehn Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus kämpft Anna
Gutman(n), geb. Boros, noch für eine Entschädigung, 1954 ©LABO